Vereinbarkeitstag: Führungskräfte sind zentrale Vorbilder

04. Dez 2017

Den Spagat zwischen Familie und Beruf kennen Führungskräfte nur zu gut. Das machte der Vereinbarkeitstag im Projekt „Fit für Führung und Familie im Handwerk“ am 4.12.2017 klar. Bei der Veranstaltung wurde erörtert, welche rechtlichen Rahmenbedingungen dabei unterstützen können, Familie, Pflege und Beruf unter einen Hut zu bekommen und welche betrieblichen Möglichkeiten es speziell für Führungskräfte aus dem Handwerk gibt.

Theorie und Praxis

17 Führungskräfte aus acht unterschiedlichen Handwerksbetrieben hatten sich zum Infotag in der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf angemeldet. Das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik, die IKK classic und die Handwerkskammer Münster luden zum Erfahrungsaustausch ein. Gemeinsam erörterten Forscherinnen bzw. Forscher und Führungskräfte, was Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bringt, welche Hürden insbesondere im Handwerk entstehen und welche Unterstützungsangebote es gibt.

Persönliche Seite

Auch Angela Runge von der Feinkostfleischerei Hidding nahm am Infotag teil. Schon im Vorfeld gewährte sie uns einen Einblick, was sie am Projekt interessiert, was ihre Erwartungen an das Programm sind und wie sie selbst den Spagat zwischen Familie und Beruf bewältigt. Dabei unterstreicht sie besonders die Vorbildfunktion von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitenden.

Frau Runge, vielleicht können Sie einleitend kurz Ihren Betrieb vorstellen. Vor welchem Hintergrund gehen Sie in den anstehenden „Info-Tag zur Vereinbarkeit für Führungskräfte“?

Wir sind eine mittelständische Fleischerei mit eigener Schlachtung und Herstellung. Verkauft werden unsere Produkte in sieben Filialen, zu einem kleinen Teil im Großhandel und darüber hinaus auch in den Bereichen Kantinenverpflegung und Partyservice.
Zurzeit beschäftigen wir circa 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für mindestens 60 % dieser Mitarbeitenden ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein großes Thema. Bei den Führungskräften liegt die Quote sogar noch höher, und zwar bei 80%.


Sie sind bereits seit mehreren Jahren aktiv im Bereich Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Wie kam es überhaupt dazu?

Als ich vor gut acht Jahren Mutter wurde, konnte ich nicht „Wasser predigen und selbst Wein trinken“. Das heißt, ich wurde mir schnell meiner Vorbildfunktion bewusst. Nicht nur ich stehe beziehungsweise stand vor dem Problem, Familienpflichten und berufliche Herausforderungen unter einen Hut bekommen zu müssen. Auch immer mehr Mitarbeitende in unserem Betrieb suchten und verlangten nach adäquaten Lösungen. Natürlich bemerken wir als Arbeitgebende zudem schon lange den Fachkräftemangel. Gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Fach- und Führungspositionen sind immer schwerer zu finden. Die Ansprüche dieser Fachleute in Bezug auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden nicht kleiner. Wir bieten diese Vereinbarkeit in Form von individuellen Absprachen, flexiblen Arbeitszeiten, soweit diese eben möglich sind, und manchmal finden wir auch unkonventionelle Lösungen.


Im Rahmen des „Info-Tags Vereinbarkeit für Führungskräfte“ und im weiteren Projektverlauf stehen Sie als Führungskraft im Mittelpunkt: Wer ermöglicht Ihnen eigentlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Wo stoßen Sie vielleicht auch persönlich an Grenzen, wo Sie sagen: „Das kriege ich so nicht miteinander kombiniert“?

Die Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss ich mir bislang selbst suchen. Dabei hilft mir ein Netzwerk: Ich habe sowohl Großeltern und Babysitter als auch Freunde sowie Mitarbeitende an Bord, wenn es um die Betreuung meiner Tochter geht. Als Grenze empfinde ich oft den Willen und die Bereitschaft zur Unterstützung von beteiligten Personen, zum Beispiel bei Mitarbeitern, wenn es darum geht Schichten zu tauschen. Außerdem gibt es natürlich Termine, die ungünstig für mich als Mutter sind, weil sie beispielsweise in den Abendstunden liegen.  


Lösungen: Wie lösen Sie diese Probleme bzw. lassen sie sich überhaupt lösen? Wün-schen Sie sich manchmal mehr Unterstützung?

Bei Terminen von außen sortiere ich in „wichtig“ und „unwichtig“. Bei wichtigen Terminen muss ich manchmal Kniefälle bei Mitarbeitern ohne Kinder oder bei dem Babysitter machen und mich sehr anstrengen, damit ich alles hinbekomme. Das ist nicht immer angenehm. Da wünsche ich mir, vor allem von Personen ohne Familie, mehr Verständnis und Unterstützung.
Ich ärgere mich sehr, wenn man zu mir sagt: „Du bist ja auch die Chefin…“. Als wenn die Führungsposition alles andere ausgleicht! Meine Antwort ist dann meistens: „Bin ich deshalb kein Mensch und keine Mutter?“


Erwartungen: Was erhoffen Sie sich vom „Info-Tag Vereinbarkeit für Führungskräfte“? Wo und wie kann Ihnen das Projekt konkret weiterhelfen?

Ich hoffe, dass sich Führungskräfte aus unterschiedlichen Bereichen miteinander vernetzen werden. Auf diese Art können verschiedene Lösungsansätze zutage kommen, die für alle Seiten neue wertvolle Erkenntnisse bringen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern bedeutet für Väter und Mütter einen echten Zugewinn an Lebensqualität, das habe ich als Mutter hautnah erfahren.

Zurück