FFP-Pressemitteilung 6 / 2020

Erfahrungsberichte: Wir sind Corona-Eltern

08. Jun 2020

Und plötzlich Lehrerin! FFP-Mitarbeiterinnen berichten: Wie wir Heimbeschulung und Kinderbetreuung meister(te)n - und wo Grenzen liegen.

FOTO: CAROLINE QUEDA

Janina Blome
Ziehmutter von 1 Kind (7 Jahre alt)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin FFP

"Mein Ziehkind geht in die erste Klasse.
An diese erste Zeit in der Schule kann man sich häufig auch als Erwachsener noch gut erinnern: Wie aufregend der erste Schultag mit Schultüte war, wie anstrengend anfangs bei allem Spaß am Lernen das lange Stillsitzen und wie groß die Sehnsucht nach der nächsten Pause. Oder auch der massive Respekt vor der ersten Klassenlehrerin oder dem ersten Klassenlehrer, deren Lob einem so wichtig war.
Für meine kleine Ziehtochter ist genau in dieser Zeit der spannenden neuen Erlebnisse und des Eingewöhnens in den Schulalltag coronabedingt auf einmal alles anders - von heute auf morgen. Eine riesige Herausforderung. In diesem Alter fehlt die gerade erst gewonnene Lernroutine in der Schule ganz besonders, ebenso der noch vergleichsweise neue Klassenverband und die Motivation durch die ausgebildeten Lehrkräfte.

Dies schafft bei uns ganz besondere Herausforderungen für die Heimbeschulung. Vor dem Corona-Ausbruch war für meine Ziehtochter ihr Zuhause abgesehen von kurzen Wiederholungen „hausaufgabenfrei“, da sie ihre Übungsarbeiten bereits im Ganztag erledigte. Plötzlich muss sie die Aufgaben am eigenen Schreibtisch bearbeiten, wo doch die schönen Spielsachen nur einen Schritt entfernt liegen. Wir merken, dass dem Kind die Mitschüler*innen fehlen, deren reine Anwesenheit zusätzlich motiviert, die Aufgaben schnell und zugleich korrekt zu erledigen. Und es gibt für unsere kleine Schülerin keine Klassenlehrerin, welche ihre zuhause geleistete Arbeit am nächsten Tag in der Schule prüft. Stattdessen fungieren jetzt wir als die Ansprechpersonen - die (Zieh-)Eltern, die ungeübt im Lehrdasein sind und unsicher in ihrer aufgezwungenen Rolle.

Ich finde dies ist eine ungeheure Herausforderung für Eltern. Insbesondere der Aufbau einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre muss erst einmal erreicht werden – und das jeden Tag aufs Neue. Es ist besonders in der ersten Klasse total wichtig, dass kein Kind aufgrund der aktuellen Belastungen beim Lernstoff abgehängt wird. Hier haben die Grundschulen die ungeheuer wichtige Aufgabe, den Kindern sowohl die existentiellen Grundlagen in Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen als auch den Spaß am lebenslangen Lernen zu wecken. Deshalb kann in dieser herausfordernden Zeit nicht auch noch unterschiedlich aufgestellten Elternhäusern die Vermittlung von neuen Themen aufgebürdet werden. Doch auch die häufigen Wiederholungen des bereits vor Monaten gelerntem sorgen für einen Menge Langeweile und Frust bei den Kindern – und damit auch bei den lehrenden (Zieh-)Eltern natürlich.

Dazu muss zwischen allen Erwachsenen jede Woche neu ausgehandelt werden, wie der Spagat zwischen Berufstätigkeit und Betreuung für alle Beteiligten bestmöglich gelingen kann – ohne das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren. Dies schafft zusätzlichen Stress, insbesondere, wenn Homeoffice und Homeschooling parallel funktionieren müssen. Dies ist nur sehr begrenzt für kurze Zeiträume möglich, wobei an ein Hineindenken in komplexe Themen grundsätzlich nicht zu denken ist.

Trotz noch erforderlicher Anpassungsmaßnahmen bewerte ich die jetzt häufig aus der Not getätigten technischen und organisatorischen Schritte vieler Unternehmen in Richtung Homeoffice grundsätzlich positiv. Die Vorteile eingesparter Arbeitswege, die Möglichkeiten zu selbstständigerem Zeitmanagement ebenso wie die Optionen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind immens. Ich hoffe sehr, dass dieses produktive Instrument durch die aktuelle Doppelbelastung vieler Familien nicht in Verruf gerät. Das Ziel muss es sein, für möglichst viele Beschäftigte Homeoffice auch dann weiter möglich zu machen, wenn diese sonderbare Zeit vergangen sein wird."



FOTO: CAROLINE QUEDA

Stefanie Mendera
Mutter von 2 Kindern (7 und 9 Jahre alt)
Studentin Lehramt
Dipl.-Kauffrau (FH), Heilpädagogin,Wissenschaftliche Hilfskraft am FFP

"Seit einigen Wochen - und nun sind es bald drei Monate - bin ich jetzt im Homeoffice. Das bedeutet für mich als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, von zu Hause aus meiner Teilzeittätigkeit im Büro nachzugehen und täglich von zu Hause aus zu studieren. Die größte Herausforderung für mich liegt dabei in der Vereinbarkeit mit meinem „plötzlich neuem Beruf“: der Grundschullehrerin für meine beiden Kinder.

Während ich meine eigenen beruflichen Tätigkeiten als Wissenschaftliche Hilfskraft am FFP und das Studium vor allem pragmatisch mit dem Lebensalltag der Kinder kombinieren kann, um so zeitliche Ressourcen für mich zu schaffen, ist der plötzliche Lehrberuf eine pädagogische und vor allem eine zeitliche Herausforderung, weil diese Aufgabe mit meinen Präsenzzeiten überlappt.

Die neue Herausforderung ist, entweder multimodal alles parallel zu bewerkstelligen oder eine zeitliche Rangfolge festzulegen. Wenn möglich - das ist es leider nicht immer - mache ich letzteres. Zusammengefasst habe ich mir Zeiten geschaffen, in denen ich tagsüber relativ ungestört arbeiten kann. Was nicht geschafft wird, erledige ich spät abends, wenn die Kinder schlafen und in den Morgenstunden. Vereinbarkeit ist zur Coronazeit also für mich zur Frage heruntergebrochen, ob ich einen Rahmen für ein schönes Zusammenleben mit und unter meinen Kindern schaffen kann.

Sehr herausfordernd finde ich nach wie vor die Lehrertätigkeit: „Plötzlich Lehrer“: Vom Schulministerium gibt es bis dato keine konkrete, offizielle Äußerung zur Bewertung, zur generellen Überprüfung oder zum Nachholen der Schulbildungsinhalte. Die Schulen selbst halten sich mit verbindlichen Aussagen bedeckt.

Das derzeit praktizierte "Homeschooling" zwingt massenhaft Eltern in die Situation, selbst über Lernziele ihrer Kinder zu entscheiden und diese eben auch selbst zu unterrichten, da die Bildungskonkurrenz nicht außer Kraft gesetzt wurde, sondern - im Gegenteil - weiterläuft und einmal mehr die Verantwortung der Eltern für den Bildungserfolg ihrer Kinder deutlich wird.
Der „Shutdown“ hätte dahingehend sehr viel entspannter für Eltern und Kinder verlaufen können."



FOTO: CAROLINE QUEDA

Verena Klaucke
Mutter von 3 Kindern (3, 8 und 10 Jahre alt)
Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

"Corona hat uns alle kalt erwischt! Nach meiner Einschätzung gibt es logischerweise keine Gewinner*innen, zumindest nicht auf menschlicher Ebene, also für das Individuum. Denn sozial Abstand halten zu müssen, ist für uns soziale Wesen grundsätzlich eine Art Höchststrafe. Besonders ist das so für Kinder, deren ‚Programm' voll und ganz auf dem Austausch und der Interaktion mit anderen beruht.

Die vielleicht größte Herausforderung der alle Bereiche erfassenden Krise war für mich, einen kindergerechten Weg durch die auferlegten
Einschränkungen zu finden. Denn wie gesagt, die soziale Isolierung von Kindern ist ein absolut unnatürlicher Vorgang. Eltern müssen - in ihrer Funktion als Erziehungsberechtigte oder -verantwortliche – ihren Kindern deutliche Grenzen errichten.

Hier waren nach meiner Empfindung Eltern weitgehend politisch allein gelassen. Es gab amfangs kaum Handreichungen und Empfehlungen von Seiten der Politik, wie Eltern mit dem absoluten Abstandsgebot sozialverträglich umgehen sollten. Somit waren und sind sie auf den gesunden Menschenverstand verpflichtet - und dadurch mit nicht immer leichten Entscheidungen konfrontiert. Denn der derzeitige Widerspruch zwischen dem (vermeintlichen) Gemeinwohl auf der einen und dem Kindeswohl auf der anderen Seite stellt eine hohe Anforderung an Eltern.

Die Personalunion, die mir auferlegt wurde, und zwar als Grundschul- und Gymnasiallehrerin zu fungieren und gleichzeitig Mutter zu sein, birgt Widersprüche und kann auf Dauer nicht funktionieren. Denn Lehrer haben per Definition andere Aufgaben und eine andere Position als Eltern.
Und die unterschiedlichen Kompetenzen und Ressourcen von Eltern führen logischerweise zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beschulung zu Hause.
Ich bin froh, dass uns die Schulen jeweils signalisiert haben, dass die vornehmlichen Ziele des Distanzlernens nicht Leistung und Bildungserfolg sind. Vielmehr wurde uns von Seiten der Schule vermittelt, dass es um die Konstanz von Bildung und ein Aufrechterhalten der Präsenz von Schule geht, beispielsweise auf digitalem oder telefonischem Weg.

In unserem Fall funktioniert die Heimbeschulung, weil mein Mann und ich gemeinsam zur Stelle sind. Das beruht zum einen darauf, dass unsere Arbeitgebenden uns mit guten Möglichkeiten zum Arbeiten von zu Hause ausgestattet haben. Zum anderen auch daran, dass ich „nur“ eine Tätigkeit in Teilzeit bewerkstelligen muss. Und wir sind den schulischen Aufgaben gewachsen, was nicht selbstredend ist. Denn, obwohl keine direkten Barrieren, wie zum Beispiel sprachlicher Natur vorliegen, fordert uns die Kommunikation und Interaktion mit den Lehrern und Lehrerinnen auch sehr, vor allem in organisatorischer Hinsicht.

Die – nicht ganz neue – aber doch wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis: Den Job ausführen und die Kinder beschulen, das geht nicht parallel. Nur kurzfristig und nur bei diszipliniert arbeitenden Kindern und sehr gut angelegten Schulmaterialien, die praktisch selbsterklärend sein müssen.
Dass im allgemeinen Wortgebrauch derzeit weiterhin ausschließlich vom „Homeoffice“ die Rede ist, auch wenn es um die Arbeit von zu Hause aus bei gleichzeitig erforderlicher Beschulung von Kindern geht, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Hier bedürfte es eigentlich einer neuen Begrifflichkeit: die Arbeitsorganisation von „Coronaeltern“ findet unter ganz andere Bedingungen statt als das herkömmliche Homeoffice."

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