FFP-Pressemitteilung 10-2019

Integration als Familiensache

07. Nov 2019

Der Blick auf geflüchtete Familien ist in Deutschland derzeit oft einseitig. Die öffentliche Diskussion stagniert, weil sie vor allem auf das (zumeist sehr oberflächlich abgehandelte) „Arbeitsmarktpotenzial“ der Geflüchteten abhebt oder sich mit den vermeintlich negativen Folgen für den Sozialstaat beschäftigt. Zu selten kommt der öffentliche Diskurs in die Tiefe, zu drängenden Zukunftsfragen: Wie kann die Integration der Geflüchteten gelingen? Und welche Rolle spielt Familie dabei? Was ist politisch dafür nötig? Hier setzt ein neues Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen an, das wichtige Impulse für die Integration geflüchteter Menschen unter Berücksichtigung ihres Familienumfeldes gibt.


FOTO: BMFSFJ

Mit dem Gutachten „Familien mit Fluchthintergrund. Aktuelle Fakten zur Familienstruktur, Arbeitsmarktbeteiligung und Wohlbefinden“ liefert der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen wichtige Erkenntnisse für die familienpolitische Agenda. Der Beirat, der das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) berät, trägt empirische Fakten zusammen und deutet Lücken in der politischen Betrachtung von Familien mit Fluchterfahrung an. Der zentrale Ansatzpunkt des am 7. November im Deutschen Institut Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vorgelegten Gutachtens: Familie ist DIE zentrale Einheit für einen gelingenden Integrationsprozess. Die Beirats-Empfehlungen werden vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) unterstützt, dessen Forschung deckungsgleiche Erkenntnisse ergeben hat.

Botschaft Nr. 1: Integration forcieren, Ressourcen sparen

Das Gutachten zeigt auf: Ein Großteil der Geflüchteten hat Kinder unter zehn Jahren. Ein Umstand, der eine erfolgreiche Integration bestärken kann, vor allem bei schnellem Handeln. So können junge Kinder durch passgenaue Maßnahmen, z.B. bei der frühen Bildung schnell (und mit einfachen Maßnahmen) in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integriert werden. Wie das Gutachten des Weiteren aufzeigt, sind die Menschen der 2015er-Flüchtlingswelle relativ jung. Die sogenannte „zweite Generation“ der ankommenden bzw. sich bildenden Familien wird zeitnah in Deutschland geboren, was die Integration ebendieser Kinder – entsprechende Maßnahmen vorausgesetzt – weiter vereinfacht.

Botschaft Nr. 2: Mütter in den Blick nehmen

Der wissenschaftliche Beirat dringt darauf, die Mütter der geflüchteten Familien noch stärker in den Integrationsprozess einzubeziehen. Denn diese Frauen zeigten bei Befragungen in den Jahren 2016 und 2017 (Quellen: Stichproben aus Mikrozensus sowie IAB-BAMF-SOEP-Befragungen von Geflüchteten) verhältnismäßig geringe Ambitionen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen beziehungsweise sich für den Arbeitsmarkt weiterzubilden. Barrieren für die Integration, wie etwa Sprache und nicht anerkannte Bildungsabschlüsse, müssen abgebaut werden. Denn: Die Frauen laufen Gefahr, sich zu sehr in Abhängigkeit zu begeben. Sie sollten über die Bedeutung von Frauen-Erwerbstätigkeit –auch über die Folgen für die Absicherung im Trennungsfall oder im Alter- in Deutschland aufgeklärt werden. Kenntnisse zum deutsche Rechtssystem, vor allem für den Scheidungsfall, sind unerlässlich. Das Gutachten: „Vor dem Hintergrund der steigenden Erwerbstätigkeit von Frauen stellt das ‚Ein-Ernährermodel‘ zudem zunehmend einen Risikofaktor für Armut und niedriges Haushaltseinkommen im Erwerbs- und Rentenalter dar.“

Botschaft Nr. 3: Bessere Integration durch Vereinbarkeit

In Kombination mit Integrationshilfen für den Arbeitsmarkt sind Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger familienpolitscher Ansatzpunkt. Sie sind auch deswegen zentral, weil viele Geflüchtete wie erwähnt sehr junge Kinder haben, die noch betreut werden müssen. „Eine gute Betreuungsinfrastruktur ist eine wichtige Hilfestellung für Eltern, die einem Erwerb nachgehen möchten“, erklärt Prof.in Dr.in Irene Gerlach, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und wissenschaftliche Leiterin des FFP.

Botschaft Nr. 4: Familiennachzug als Motor für Erwerbstätigkeit

Ein wichtiger Aspekt für eine erfolgreiche Integration, so hebt es der Beirat dezidiert hervor, ist auch die Ermöglichung von Familiennachzug. „Aktuelle Zahlen belegen, dass die Vollständigkeit der Familie signifikant mit der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten zusammenhängt“, so Irene Gerlach. „Zudem können familiale Netzwerke mit ihren Optionen zur Kinderbetreuung, zum Beispiel durch Großeltern, eine Erwerbstätigkeit ermöglichen. Flüchtlingsfamilien profitieren sehr von diesen Netzwerken, die eine wichtige Ergänzung zu staatlicher Kinderbetreuung darstellen“.

Kernansatzpunkte des Beirats

Erwerbstätigkeit, Familiennachzug, eine erfolgreiche Integration in die neue Gesellschaft: dies alles sind wichtige Faktoren für Lebenszufriedenheit. Diese Ansatzpunkte bedingen sich gegenseitig und haben wiederum einen Einfluss auch auf das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland. Prof.in Dr.in Irene Gerlach resümiert: „Die erfolgreiche Integration von Geflüchteten im Allgemeinen und von geflüchteten Familien im Besonderen ist eine wichtige Antwort auf zentrale Zukunftsfragen.“ Wie das Gutachten aufzeigt, ist es zentral, gerade geflüchtete Frauen und insbesondere die Mütter unten ihnen noch mehr für die deutsche Situation zu sensibilisieren, zu informieren und Hilfestellungen anzubieten.

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