Mit Kind, Kegel und knapper Kasse

Sommer bedeutet: Ferienzeit! Doch ein Fünftel der Menschen in Deutschland kann sich keinen Urlaub leisten – darunter viele Familien. Wie Auszeiten trotzdem möglich werden

Von S. Schersch (Medizinredakteurin ), J. Hölke (Medizinredakteurin), Prof. Dr. Susanne von Hehl • Aktualisiert am 02.05.2026

Frau Prof. Dr. von Hehl, was bedeutet es für Kinder, wenn alle Freundinnen und Freunde wegfahren – nur die eigene Familie nicht?

Susanne von Hehl: Das ist oft eine schwierige Situation, vor allem wenn die Familie in einem Umfeld lebt, in dem andere mehr Geld haben. Kinder vergleichen sich immer mit anderen Kindern und fühlen sich schnell ausgegrenzt, wenn alle verreisen und sie als Einzige im Freundeskreis zurückbleiben.

Wie sollten Eltern damit umgehen?

Auch wenn es nicht immer leichtfällt: Sie sollten unbedingt ehrlich mit ihren Kindern darüber sprechen, warum sie nicht in den Urlaub fahren. Bei Untersuchungen haben wir festgestellt, dass Kinder gut damit umgehen können, Dinge nicht zu haben, die für andere selbstverständlich sind, wenn sie die Gründe nachvollziehen können. Gleichzeitig kann Urlaub zu Hause ja auch etwas Schönes sein und Spaß machen. Auch das können Eltern ihren Kindern vermitteln, indem sie selbst positiv damit umgehen. Das ist natürlich nicht leicht.

Klar, Urlaub macht Spaß und ist aufregend. Aber warum ist Familienurlaub auch politisch relevant?

Urlaub ist für Familien eine Zeit, in der sie ihre Akkus aufladen können. Das ist nicht nur wichtig, um sich erholt und gesund zu fühlen. Stehen Familien unter Dauerstress, können sie auch keine Erziehung oder Carearbeit mehr leisten. So gesehen ist Regeneration auch gesellschaftlich entscheidend. Für Kinder ist zudem entspannte gemeinsame Zeit mit den Eltern wichtig. Familien im Dauerstress bedeutet auch Kinder im Dauerstress. Die Folgen sind für uns als Gesellschaft fatal – und teuer.

Welche Hürden müssen Familien mit geringem Einkommen überwinden, um Urlaub machen zu können?

Wer Fördermittel oder Unterstützung für den Urlaub beantragen möchte, muss erst lange recherchieren. Denn die Förderprogramme unterscheiden sich stark. Hinzu kommt, dass man bei vielen Programmen das Geld vorstrecken muss – das ist oft ein großes Problem. Dadurch sind die Programme nicht so attraktiv, wie sie eigentlich sein könnten.

Welche Tipps können Sie Eltern mitgeben?

Familien können sich mit ihren Fragen an die Träger selbst oder ihr nächstes Familienservicebüro wenden. Diese sind in vielen Kommunen von den Jugendämtern geschaffen worden. Außerdem sollten sich Eltern im Vorfeld überlegen, wie sie vor Ort unterstützt werden. Viele – vor allem Alleinerziehende – stehen im Alltag unter hohem Druck. Sie müssen sich im Urlaub unbedingt erholen und nicht nur Care-Arbeit an einem anderen Ort leisten.

Und wenn es nicht klappt mit dem Verreisen – wie gelingt Urlaub zu Hause?

Es ist auch im Alltag möglich, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen. Familien können in die Natur fahren oder ein neues Stadtviertel erkunden. Lassen Sie die Kinder mitentscheiden, was sie entdecken wollen – dann macht es besonders viel Spaß.

Erholungsstätten: gut organisiert und günstig

Ob Meeresrauschen oder Almwanderung – mehr als 80 gemeinnützige Familienerholungsstätten gibt es in ganz Deutschland. Sie richten sich vor allem an Familien mit geringem Einkommen, Alleinerziehende oder kinderreiche Familien. Da die Unterkünfte gemeinnützig sind, bleiben die Preise auch in der Hauptsaison niedrig. Gerade für Familien, die an die Schulferien gebunden sind, ist das eine große finanzielle Erleichterung. Wer Anspruch auf die vergünstigten Preise hat, kann man mit dem Zuschussrechner der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung (BAG FE) herausfinden. Gut zu wissen: Viele Unterkünfte sind barrierefrei und bieten Kinderprogramm wie etwa Wattwanderungen oder gemeinsames Musizieren an. In dieser Zeit können sich die Erwachsenen vom Alltag erholen. Auf urlaub-mit-der-familie.de gibt es eine Übersicht aller Unterkünfte.

Fördergelder: früh beantragen

In einigen Bundesländern können Familien mit geringem Einkommen eine Förderung für ihren Urlaub bekommen – etwa in Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen. Voraussetzung: Die Familie lebt im jeweiligen Bundesland. Wer antragsberechtigt ist und wie hoch der Zuschuss ausfällt, hängt vom jeweiligen Bundesland ab. Daher sollten sich Familien vorher gut informieren, welche Bedingungen für sie gelten. Wichtig: Sind die Fördergelder aufgebraucht, können keine Zuschüsse mehr bewilligt werden. Deshalb daran denken, frühzeitig einen Antrag zu stellen. Einige Träger verfügen auch über eigene Sozialfonds oder Spendenmittel. Mehr unter bag-familienerholung.de/urlaubszuschuss/foerderungen

Gruppenreisen: Abenteuer mit Vollverpflegung

Keine Zeit, selbst zu planen? In einigen Bundesländern gibt es organisierte Erholungsprogramme für Familien mit geringem Einkommen – in Nordrhein-Westfalen seit 2021 zum Beispiel die Familienzeit NRW. Hier ist neben der finanziellen Unterstützung auch für Kinderbetreuung und Vollverpflegung gesorgt. In Berlin organisiert der Deutsche Familienverband regelmäßig Gruppenreisen für Familien. Auch hierfür kann ein Zuschuss über den Verband beantragt werden. Es lohnt sich also, gezielt nach Programmen im eigenen Bundesland zu suchen, Informationen gibt es etwa bei den Jugendämtern oder Familienbüros.

Jugendherbergen: familientauglich

Stickige Mehrbettzimmer, quietschende Hochbetten und modrige Gemeinschaftsbäder – damit haben die meisten Jugendherbergen heute zum Glück nichts mehr gemein. Viele wurden modernisiert und verfügen über Einzelzimmer mit Waschbecken, manchmal auch mit eigener Dusche. Jugendherbergen mit dem Prädikat „besonders geeignet für Familien“ bieten Wickelunterlagen, Babybetten und Hochstühle an, einige haben sogar Babyphones und Fläschchenerwärmer vorrätig. Für die großen Geschwister gibt es zudem ein Kinderprogramm. In manchen Bundesländern werden auch Übernachtungen in der Jugendherberge gefördert.

Anderen helfen: die Aktion „Kindern Urlaub schenken“

Die Diakonie Mitteldeutschland sammelt jedes Jahr Spenden, um Kindern aus einkommensschwachen Familien Urlaub oder Ausflüge zu ermöglichen – etwa Wandern mit Alpakas im Spreewald oder Reitferien auf einem Kinderbauernhof. Angenommen werden Spenden online über die Website hoffnungsengel.de – oder auch übrig gebliebene Urlaubsmünzen, die an die Diakonie Mitteldeutschland geschickt werden können. Die Anträge für die Ausflüge stellen nicht die Familien selbst, sondern die rund 150 kirchlichen und diakonischen Einrichtungen aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ein Spendenrat entscheidet dann darüber, ob der Antrag angenommen wird. Die Antragsfristen enden jedes Jahr jeweils am 31. März und am 31. Oktober.

Quellen:

Statistisches Bundesamt: Gut jede fünfte Person kann sich keine Woche Urlaub leisten . https://www.destatis.de/... (Abgerufen am 21.01.2026)

 

[Der Artikel ist erschienen in der Apotheken Umschau im Eltern-Magazin und unter folgendem Link online aufrufbar: https://www.apotheken-umschau.de/print/el/el26-05/mit-kind-kegel-und-knapper-kasse-1507671.html]